So modern klingt
das Klaviertrio
Konzert auf der Iburg
Von Ludger Rehm
BAD IBURG. Waren Klaviertrios von Joseph Haydn oft bloß mit
Violin- und Cellostimme ausgezierte und begleitete Klaviersonaten,
so tritt mit Beethovens Opus 1 das moderne Klaviertrio in die
Gattungsgeschichte ein. Die Instrumente sind in ihrer jeweiligen
Eigenart ganz auf sich allein gestellt und doch gezwungen zusammenzuwirken.
Das Atos- Trio gab am Sonntagabend gleich drei Proben der Modernität
dieser Gattung im Rittersaal der Iburg ab.
Den Beginn macht das Ess-Dur-Trio op. 70/2 von Ludwig van Beethoven,
das in den ersten Sätzen eher von seiner klassizistisch
erhabenen Seite mit einem ungemein homogenen Klang interpretiert
wird. Erst mit dem Schlusssatz erfüllt sich das Versprechen,
das die gegen die elegisch suchenden Melodien gestellten percussiven
Ausbrüche im dritten -Satz verheißen hatten. Die Musiker
folgen hier der Partitur in die expressiven Extreme einer kompromisslosen
Exaltiertheit, die mehr als nur einige Male auf die Schroffheit
von Beethovens Spätwerk vorausdeutet.
Es folgt das Klaviertrio Nr. 2 des spanischen Komponisten Joaquin
Turina von 1933, das vom Atos-Trio mit hochromantischer Verve
angegangen wird und damit nicht nur den Spuren eines Franck .
und Debussy in dem Werk nachgeht, sondern auch zeigt, dass
Turina in der Tradition der Brahms' schen Ausdrucksdichte steht.
Sehr überzeugend werden die vielen folkloristischen Momente
des Werks einer subtilen Klanglichkeit unterworfen, die deutlich
auf musikalische Sprachen der Moderne vorausdeuten. Nicht nur
in diesen Passagen agierten die Musiker besonders ausdrucksstark.
Auch hier erweist sich das Trio als Meister des differenzierten
Schönklangs. Stefan Heinemeyer spielt ein Testore-Cello
aus .dem Jahr 1747, das eine überragende Fülle und
ein scheinbar unerschöpfliches Volumen besitzt. Es bekommt
den Werken dieses Abends aber nur zu gut, dass Annette von Hehn
mit ihrer Violine stets auf Augenhöhe bleiben kann und die
bei den Streicher zusammen auch dem Fortissimo Thomas Hoppes
auf dem glänzend intonierten Steinway-Flügel Paroli
bieten können. So erlebt das Publikum nicht nur ein perfektes
Zusammenspiel der Künstler auf hochvirtuosem Niveau, sondern
auch einen Konzertabend höchster klanglicher Präsenz.
Ein musikalischer Hochgenuss.
Nach der Pause steht das düstere E-Moll-Trio von Dimitri
Schostakowitsch auf dem Programmzettel. Diese Totenklage auf
seinen besten Freund Iwan Sollertinskij, die intensiv und eindrücklich
in nicht enden wollenden Trauermelodien umher kreist, beendet
das Atos-Trio mit einem geradezu bacchanalischen Toten- und martialischen
Opfertanz, in dem sich schneidende Dissonanzen mit dumpfen, teilweise
maschinenhaft grotesken Marschrhythmen zu einem infernalen Höhepunkt
steigern, nach dem ganz zart und beginnend wieder die stillen,
in sich gekehrten Töne der Andante-Einleitung zur Andacht
einladen. Das wird so großartig und intensiv gespielt,
dass man das kleine Notturno von Ernest Bloch als Zugabe gar
nicht vermisst hätte.
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