NOZ, 11.05. 2010
 

So modern klingt das Klaviertrio

Konzert auf der Iburg

Von Ludger Rehm

BAD IBURG. Waren Klaviertrios von Joseph Haydn oft bloß mit Violin- und Cellostimme ausgezierte und begleitete Klaviersonaten, so tritt mit Beethovens Opus 1 das moderne Klaviertrio in die Gattungsgeschichte ein. Die Instrumente sind in ihrer jeweiligen Eigenart ganz auf sich allein gestellt und doch gezwungen zusammenzuwirken. Das Atos- Trio gab am Sonntagabend gleich drei Proben der Modernität dieser Gattung im Rittersaal der Iburg ab.

Den Beginn macht das Ess-Dur-Trio op. 70/2 von Ludwig van Beethoven, das in den ersten Sätzen eher von seiner klassizistisch erhabenen Seite mit einem ungemein homogenen Klang interpretiert wird. Erst mit dem Schlusssatz erfüllt sich das Versprechen, das die gegen die elegisch suchenden Melodien gestellten percussiven Ausbrüche im dritten -Satz verheißen hatten. Die Musiker folgen hier der Partitur in die expressiven Extreme einer kompromisslosen Exaltiertheit, die mehr als nur einige Male auf die Schroffheit von Beethovens Spätwerk vorausdeutet.

Es folgt das Klaviertrio Nr. 2 des spanischen Komponisten Joaquin Turina von 1933, das vom Atos-Trio mit hochromantischer Verve angegangen wird und damit nicht nur den Spuren eines Franck . und Debussy in dem Werk  nachgeht, sondern auch zeigt, dass Turina in der Tradition der Brahms' schen Ausdrucksdichte steht. Sehr überzeugend werden die vielen folkloristischen Momente des Werks einer subtilen Klanglichkeit unterworfen, die deutlich auf musikalische Sprachen der Moderne vorausdeuten. Nicht nur in diesen Passagen agierten die Musiker besonders ausdrucksstark.

Auch hier erweist sich das Trio als Meister des differenzierten Schönklangs. Stefan Heinemeyer spielt ein Testore-Cello aus .dem Jahr 1747, das eine überragende Fülle und ein scheinbar unerschöpfliches Volumen besitzt. Es bekommt den Werken dieses Abends aber nur zu gut, dass Annette von Hehn mit ihrer Violine stets auf Augenhöhe bleiben kann und die bei den Streicher zusammen auch dem Fortissimo Thomas Hoppes auf dem glänzend intonierten Steinway-Flügel Paroli bieten können. So erlebt das Publikum nicht nur ein perfektes Zusammenspiel der Künstler auf hochvirtuosem Niveau, sondern auch einen Konzertabend höchster klanglicher Präsenz. Ein musikalischer Hochgenuss.

Nach der Pause steht das düstere E-Moll-Trio von Dimitri Schostakowitsch auf dem Programmzettel. Diese Totenklage auf seinen besten Freund Iwan Sollertinskij, die intensiv und eindrücklich in nicht enden wollenden Trauermelodien umher kreist, beendet das Atos-Trio mit einem geradezu bacchanalischen Toten- und martialischen Opfertanz, in dem sich schneidende Dissonanzen mit dumpfen, teilweise maschinenhaft grotesken Marschrhythmen zu einem infernalen Höhepunkt steigern, nach dem ganz zart und beginnend wieder die stillen, in sich gekehrten Töne der Andante-Einleitung zur Andacht einladen. Das wird so großartig und intensiv gespielt, dass man das kleine Notturno von Ernest Bloch als Zugabe gar nicht vermisst hätte.